Ein intensives Jahr neigt sich dem Ende zu

November 2020, Deutschland durchlebt Lockdown 2.0 und auch sonst scheint die Welt dieses Jahr etwas aus den Fugen geraten zu sein. Mag man sich noch so sehr über das Wort „corona-bedingt“ echauffieren, so muss man sagen: dieses Virus hat so einiges auf den Kopf gestellt. In meinen Augen verdient dieses Jahr mehr als ein „Best Nine“ auf Instagram und auch der obligatorische „Danke 20XX, was haben wir erlebt“ Post hätte einen sehr faden Beigeschmack.

 

Bevor die hart erarbeitete (Balkon-) Bräune gänzlich verschwunden und die Sonnenbrillen-Stimmung dem Winterblues weicht, noch einmal der Melancholie weichen und einen Schritt zurück machen…

 

26.02.2020 – meine letzte Klausur im Rahmen meines Bachelor Studiums. Fertig. Graduate! Meine Bachelorurkunde werde ich zwar erst Monate später erhalten, aber dennoch beflügelte mich der Abschluss dieses Kapitels. Danach? Wettkämpfe, die Welt bereisen, Menschen kennenlernen. Der Kalender, vollgepackt.

 

Wenige Monate vorher war ich nach Heidelberg gezogen. In ein neues Umfeld, neuer Reize willens. Auch hier wurde der Winter zäh. Wir arbeiteten hart und durften uns nicht belohnen. Vorerst…

 

„Gestrandet in Florida“ – ein poetisch angehauchter Beitrag eines gewissen @jannikschaufler. Dem Ernst der Lage noch nicht bewusst (ich erspare Euch Klopapier-Anekdoten) folgte den Wettkampfabsagen eine Kurznachricht: „Party at our house.“ Wie gesagt, die USA war spät dran…

 

Auf Anraten ging es dann doch nach Hause, die leeren Straßen auf dem Weg vom Frankfurter Flughafen ins schwäbische Ravensburg werde ich wohl nie vergessen. Hotel Mama auf unbestimmte Zeit, gibt schlimmeres.

 

Letztendlich wurden es drei Monate, in denen die Zeit etwas langsamer zu vergehen schien. Neben unzähligen Kreuzworträtseln entdeckte ich meine philosophische Ader. Die Generation von Selbstoptimierern entdecke eine neue Langsamkeit, der Ich-Sucht werden die Grenzen aufgezeigt, der Vergänglichkeit mit Solidarität begegnet. „Wir sind so abhängig von Menschen“, die Orsons. (Mein Buch erscheint 2021)

 

Auch politisch gab es einiges zu hinterfragen. Liberalismus vs. Sozialismus, alt vs. jung - warum eigentlich immer gegen? Die westliche Welt sei durchdrungen vom Postulat des Optimismus. Okay?!

 

Zurück zum Sport: Welchen gesellschaftlichen Mehrwert haben wir eigentlich? Sind wir Sportler so egoistisch wie wir oft wahrgenommen werden? Ich lernte über den Limbic-Ansatz und fand Antworten. Wer bin ich und wenn ja, wie viele…

 

Sportlich wollten wir die Zeit nutzen. „Besser werden“, wie mein Trainer es formulierte. Eines Morgens fand ich ein Bild der olympischen Ringe über meinem Bett hängen, #pressure?

 

Ich genoss das Training, arbeitete hart, aber unbeschwert. Papa stets dabei. Es folgte ein Trainingslager in Sankt Moritz. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe ließ die drei Wochen wie im Flug vergehen. Wir arbeiteten hart, aber unbeschwert.

 

Mangels Wettkämpfe gaben sich mehr und mehr Athleten einem eigenen YouTube Kanal hin. Es folgten Time Trials und Zwift-Races, um die erarbeitete Form wenigstens so zur Schau zu stellen. Die weibliche Sportdelegation hingegen tanzte auf TikTok, wem sei es verübelt.

 

Generell sah sich der professionelle Sport Veränderungen gegenübergestellt. Wie wird man Sponsoren gerecht ohne Rennen bestreiten zu können? Welche Währungen sind entscheidend: Platzierungen und Zeiten oder Follower und Likes? Eine Entwicklung, die ich schon länger beobachte.

 

Ich für meinen Teil hatte das Privileg, eine Saison erleben zu dürfen. Aktiv suchte ich nach Wettkämpfen und wurde in der Laufszene, vornehmlich in der Schweiz fündig. Die Stimmung dort erfüllt mich noch immer mit Gänsehaut. Nicht meiner persönlichen Bestleistungen halber, sondern weil man sich in der Szene stets füreinander freut. Das hatte ich lange vermisst.

 

Auch Triathlons fanden unter besonderen Voraussetzungen wieder statt. Weltcup in Tschechien in Begleitung meines Trainers Philipp - wir spielten vorne mit, haben Blut geleckt. Dass 2020 es einfach nicht gut meint mit uns, erlebte ich in Davos: Rennabbruch wegen Unwetter. Honestly?! „Treffen in der Lobby, Bier geht auf mich“, S.K.

 

Zuletzt erfüllt ich mir noch einen Kindheitstraum: 10 Kilometer sub 30!

 

Und nun on a serious note: Seit zwei Jahren werde ich nun nicht mehr in der Förderstruktur der Deutschen Triathlon Union berücksichtigt. Talent (so selbstbewusst bin ich mittlerweile) spreche ich mir mitunter zu. Leider werden meines Erachtens die Begriffe Förderung und Belohnung missverstanden und in der Folge falsch verwendet. Zwischen 2018 und 2020 wurde ich Vize-Europameister, qualifizierte mich für WM-Staffeln und belegte auf drei Kontinenten das Podium im Elite Continental-Cup. Auch Einzelzeiten werden (vgl. Nominierungskriterien 2017) für gewöhnlich hohe Bedeutung zugesprochen. So stellte mich im Oktober einem videografisch festgehaltenen Schwimmtest, um mich - sagen wir - erkenntlich zu zeigen. Ich habe eine abgeschlossene Berufsausbildung, andere würden sich für sichere Gefilde entscheiden…

 

Umso dankbarer bin ich in diesem Jahr für mein wahnsinnig tolles, zumeist hier in Heidelberg anzutreffende Team. Auch meinen Sponsoren, Ausrüstern und Partnern gebührt großer Dank!

 

Große Momente wie der Abschluss eines Studiums, das Erzielen von Bestleistungen oder das Gewinnen von Rennen kommen selten und vergehen schnell. Umso wichtiger, in den „kleinen“ Momenten des Alltags mit sich selbst im Reinen zu sein.

 

Auch mich ermutigte dieses Jahr, neue Dinge anzugehen und den Status quo zu hinterfragen: so bin ich umgezogen, habe meinen seit Jahren aufgeschobenen (sorry Onkel!) Bootsführerschein endlich in den Händen und schreibe diese Zeilen.

 

Mama sagt, wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo eine neue. So wurde mir ein Praktikum in einer namhaften Anwaltskanzlei angeboten. Fünf Wochen, in denen ich viel lernte und die mir die Privilegien des Profisportes aufzeigten. Sogleich gibt es auch Verlinkungen. Das Leben als Jurist beinhaltet 1. sich in den Vorschriften zurechtzufinden, 2. aus jenen Vorschriften Verträge zu entwerfen und 3. diese zu verändern, wenn es notwendig ist. Drei Punkte, die sich auf beinahe alles übertragen lassen.

 

„Eine Mischung aus Melancholie und Nostalgie…“ Spaß beiseite: Ich freue mich auf alles weitere, was auch immer die Zukunft bringen mag. Not a blogger yet, also bitte seid gnädig.

 

 

Euer Jannik